Durch alle meine bisher aufgeführten Beispiele zieht sich ein roter Faden. Jeder der Wissenschaftler ist durch Zufall auf einen bestimmten Umstand gestoßen, hat diesen Umstand genau beobachtet und schließlich aufgrund seiner Aufgeschlossenheit gegenüber neuen Erkenntnissen tiefere Rückschlüsse aus seinen Beobachtungen gezogen. Die Definition vom Glück des Zufalls lautet ganz einfach: das beste aus der Erkenntnis machen, daß der Zufall eine wesentliche Rolle auf dem Weg zu neuen Entdeckungen spielt. Mit der Entdeckung einer Heilmöglichkeit bei Erektionsstörungen verhielt es sich nicht anders. Und die Reise zu dieser Entdeckung begann damit, daß jemandem auffiel, welchen Weg ein Stickstoffoxidmolekül zurücklegte.
Bis vor etwas mehr als einem Jahrzehnt glaubten die Forscher, Stickstoffoxid (NO) sei ein im Prinzip harmloser Nährboden für Bakterien. Doch dann fand man heraus, daß es sich bei Stickstoffoxid in Wirklichkeit um einen Wirkstoff handelt, der sich in jedem Teil des menschlichen Körpers befindet und der für viele der ständig stattfindenden Zellveränderungen verantwortlich ist.
So trägt Stickstoffoxid beispielsweise im Gehirn dazu bei, das Zusammenspiel von Lernen und Gedächtnis zu koordinieren, während es im Immunsystem die Aufgabe hat, einfallende Mikroorganismen zu bekämpfen. Und im Gefäßsystem leistet es einen wesentlichen Beitrag zur Entspannung der Blutgefäße -und genau dieser Aspekt erregte die Aufmerksamkeit der Forscher der Universität von Kalifornien in Los Angeles (UCLA), die dann auch eine weitere Wirkungsweise des Stickstoffoxids entdeckten. Hinreichend bekannt ist, daß Erektionsschwierigkeiten die Folge von Diabetes, beschädigten Nerven und eine Nebenwirkung von Medikamenten sein können, in den meisten Fällen unmittelbar verursacht durch den schwachen Zufluß von Blut in den Penis. Die Wissenschaftler der UCLA fanden heraus, daß Unregelmäßigkeiten des Stickstoffoxids im Penis-gewebe negative Folgen für den Blutstrom haben, was letztendlich zu Erektionsstörungen führt.
Wie wir im letzten Kapitel bereits gesehen haben, muß das Blut nicht nur in den Penis einströmen, es darf auch nicht sofort wieder abfließen. Im normalen, schlaffen Zustand des Penis ist die Gefäßmuskulatur stets angespannt. Das einströmende Blut fließt sofort wieder hinaus. Sobald jedoch ein M%nn sexuelle Erregung verspürt, animieren die Nerven die Gefäßmuskeln im Penis zur Entspannung. Anschließend öffnen sich die in die Schwellkörper führenden Arterien blitzschnell, und das Blut schießt in die zwei schwammartigen Kammern der Schwellkörper und dehnt sie aus. Die Schwellkörper pressen dadurch gegen die Venen, durch die das Blut normalerweise wieder abfließt. Ist dieser Ausgang fest verschlossen, richtet sich der Penis auf.
Wie genau die Nerven das Signal zur Entspannung an die Gefäßmuskulatur übermitteln, konnte bis dahin medizinisch nicht ergründet werden, und dieses ungelöste Rätsel behinderte den Fortschritt auf der Suche nach einem Heilmittel gegen Erektionsstörungen. Wenn die Wissenschaftler letztendlich nicht wußten, was die Entspannung der Gefäßmuskulatur herbeiführte, wie konnten sie ein Mittel entwickeln, das diese Wirkung hätte? Doch wieder einmal führte der Zufall Regie. Eines Tages im Jahr 1987 verlief sich Dr. Jacob Rajfer, ein Urologe an der medizinischen Fakultät der UCLA, auf dem Weg zu seinem Labor in dem Labyrinth der einander gleichenden Korridore und fand sich schließlich an der Tür eines Büros wieder, an der ein Schild mit folgender Aufschrift hing: Pharmakologie: Labor für Gefäßmuskulatur.
Dr. Rajfer befaßte sich schon eine ganze Zeit mit Erektionsstörungen und wußte daher bereits, daß Erektionsstörungen oft auftraten, wenn die Gefäßmuskeln in den Schwellkörpern sich nicht entspannten. Leider gab es zu dem Zeitpunkt nur wenige Informationen über die Wirkungsweise der Gefäßmuskulatur im Penis. Jedoch wußte man schon, daß sie bei Betrachtung unter einem Mikroskop identisch mit der Gefäßmuskulatur in anderen Teilen des Körpers zu sein schien.
Dr. Rajfers Timing war perfekt. Als er das Labor betrat und sich mit einem der Forscher unterhielt, erfuhr er, daß Dr. Louis Ignarro, der Leiter des Labors für Gefäßmuskulatur, gerade eine Woche vorher die lang gesuchte Antwort auf die Frage, wodurch die Entspannung der Gefäßmuskulatur herbeigeführt wird, gefunden hatte. Dr. Ignarro und sein Team fanden folgendes heraus: Wenn bestimmte Neurotransmitter im Blut sich mit den Rezeptoren auf der die Innenseiten der Arterien auskleidenden Zellschicht (dem Endothel) verbinden, beginnen diese Zellen unmittelbar darauf mit der Produktion von Stickstoffoxid (NO). Das NO-Molekül dringt dann in die benachbarte Schicht von Gefäßmuskelzellen ein, die das Endothel umgeben, und löst so eine chemische Reaktion aus, die zur Entspannung der Muskulatur führt.
Diese wesentliche Information war genau das, wonach Dr. Rajfer gesucht hatte: die logische Erklärung für die Entspannung des Muskelgewebes des Penis. Jetzt lag sie vor. Dann stellte Dr. Rajfer eine Frage, die ihn auf dem Wege zur Entdeckung eines Mittels gegen Erektionsstörungen einen weiteren Schritt voranbrachte. Da das Endothel auch die Gefäßmuskulatur in den Schwellkörpern auskleidet, bestand nicht die Möglichkeit, daß auch hier NO vorhanden war und seine Wirkung tat?
Die beiden Ärzte beschlossen, gemeinsam herauszufinden, ob NO hier tatsächlich vorkam und ob es bei dem Erektionsprozeß eine Rolle spielte. Für ihren Versuch verwendeten sie ein Kaninchen, von dessen Schwellkörpern sie Gewebestreifen entfernten. Anschließend stimulierten sie elektrisch die Nerven, die mit der Gefäßmuskulatur im Gewebe verbunden sind – der Muskel entspannte sich sofort. Gleichzeitig stellten die Forscher einen Anstieg des Stickstoffoxids im Gewebe fest. Anschließend führten sie ähnliche Experimente an den Schwellkörpern von Männern mit und ohne Erektionsstörungen durch.
Ihre Schlußfolgerung: NO spielt tatsächlich eine Rolle als Auslöser einer Erektion.
