Sildenafil

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Nun war klar, daß eine Erektion eine Kette von chemischen Reaktionen ist, die mit einem erhöhten Blutstrom in den Arterien des Penis beginnt. Die Existenz von Stickstoffoxid in den Muskeln als Botenstoff erwies sich als unentbehrlich. Das gleiche galt den Ergebnissen der Forscher von Pfizer zufolge auch für cyclisches GMP (Guanosinmonophosphat), die »Botschaft« in den Muskelzellen, die den Muskeln den Befehl zur Entspannung gibt und so die Blutzufuhr ermöglicht.

Sildenafil verstärkt den gesamten Prozeß. Wird das Mittel vor einem romantischen Zusammentreffen eingenommen und erfolgt anschließend eine sexuelle Erregung, läuft die gesamte chemische Sequenz vollkommen störungsfrei ab. Laut Dr. Ian Osterloh, einem Mitglied des Pfizer-Forschungsteams, der für die Koordination der anschließenden klinischen Prüfungen von Sildenafil in ganz Europa verantwortlich zeichnete, handelt es sich bei dem Mittel um einen äußerst wirksamen Hemmstoff. Sildenafil eignet sich nämlich in hervorragender Weise dazu, eine Variante des Enzyms Phosphodiesterase, nämlich Phosphodiesterase Typ 5, zu blockieren. Hierbei handelt es sich um ein spezifisches Enzym, das die Wirkung von NO (Stickstoffoxid) hemmt. Die Natur hat es so eingerichtet, daß dieses Enzym im Penis in großen Mengen auftritt. Sildenafil verhindert den Abbau von cyclischem GMP durch Phosphodiesterase Typ 5 und ermöglicht dem NO, seine Wirkung als Mittel zur Entspannung der Arterien im Penis voll zu entfalten, so daß das Blut ungehindert in die Schwellkörper fließt. Das Sildenafil verhindert das Abfließen des Blutes aus dem Penis und trägt so zu einer festen Erektion bei.

Dr. Osterloh beschrieb diese erstaunliche Eigenschaft des Wirkstoffs so: »In der Vergangenheit«, sagt er, »war der Hauptgrund für unsere Schwierigkeiten bei der Suche nach einem Mittel zum Herbeiführen einer Erektion im Penis, daß der Penis Blutgefäße enthält sowie Sinusoide (die drei schwammartigen Schwellkörper, die für die Erektion unentbehrlich sind: die zwei corpora cavernosa und das corpus spongiosum), Blutkapillaren und glatte Muskelzellen (Gefäßmuskeln). Aber das ist bei vielen anderen Organen im Körper nicht anders. Wenn ein Mann also ein Medikament einnahm, das durch Weitung der Blutgefäße im Penis eine Erektion auslöste, weiteten sich gleichzeitig die Blutgefäße in anderen Teilen des Körpers – häufig mit unerwünschten Nebenwirkungen.«

Mit der Entdeckung von Sildenafil schließlich war es anscheinend gelungen, eine Lösung bei Erektionsstörungen zu finden, die genau dort ihre Wirkung tat, wo sie gebraucht wurde, und nirgendwo sonst im Körper.

Der nächste Schrift bestand in der Durchführung klinischer Prüfungen, um festzustellen, wie wirksam das Medikament tatsächlich war. Damit befand man sich nun an einem kritischen Punkt, denn die Geschichte der Medizin steckt voller Beispiele für vielversprechende Medikamente, die bei einer Handvoll von Probanden die besten Ergebnisse erzielten. Wenn jedoch Versuchsreihen mit Hunderten Personen nach wissenschaftlichen Methoden wie Doppelblindversuch, Randomisierung, Gegenversuch und Crossover durchgeführt wurden, fiel das Resultat oft enttäuschend aus. Viele Mittel waren nicht so wirksam wie angenommen. Andere brachten erhebliche Nebenwirkungen mit sich – und führten in einigen Fällen zum Tode. Bei Eintreten einer solchen schlimmen Situation wurden die Untersuchungen sofort abgebrochen. Doch bei Sildenafil sollten sich unerwartet positive Ergebnisse zeigen.

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