Im 16. Jahrhundert hielt ein gewisses Maß an Wissenschaftlichkeit Einzug in die Erforschung der männlichen Sexualität. Der italienische Arzt Varoho bemerkte als erster, daß Blut durch den Penis fließt. Leider folgte dieser klugen Erkenntnis lange Zeit nichts Neues auf dem Gebiet der medizinischen Forschung, was möglicherweise eine Folge’^ler prüden Einstellung der Gesellschaft gegenüber allen auch nur entfernt die Sexualität berührenden Fragen war. Erst zwei Jahrhunderte später machten die Mediziner die nächste maßgebliche Beobachtung auf dem Gebiet der Erektionsstörungen: Sie hatten mindestens eine organische Ursache. Was noch wichtiger war, sie suchten nach Möglichkeiten, den Zustand erfolgreich zu behandeln.
Dieses außergewöhnliche Ereignis hing mit König Ludwig XVL von Frankreich zusammen. 1770, im Alter von sechzehn Jahren, war Ludwig nicht in der Lage, mit seiner Gattin Marie Antoinette den Geschlechtsverkehr zu vollziehen. Es heißt, er habe unter vollständiger Impotenz gelitten. Wenn es um königliche Hoheiten geht, sind Erektionsstörungen ein besonders kniffliges Problem. Schließlich sind Dynastien auf Erben angewiesen. Also konsultierte Ludwig die ärztlichen Spezialisten seiner Zeit, und eine Diagnose wurde erstellt. Anscheinend war eine zu enge Vorhaut die Hauptursache seines Problems. Nach einer erfolgreichen Beschneidung, die mehrere Jahre nach seiner arrangierten Eheschließung stattfand, gelang es ihm endlich, den Geschlechtsverkehr zu vollziehen, und er zeugte schließlich zwei Kinder.
In diesem Jahrhundert erfolgte die Behandlung von Erektionsstörungen, falls sie überhaupt stattfand, immer noch in starker Anlehnung an traditionelle Hausmittel. Ein altes amerikanisches Rezept für eine Potenzsalbe nannte als Zutaten Stechapfel, schwarze Pfefferkörner und Honig. Diese Mischung wurde vor dem Geschlechtsverkehr auf den Penis aufgetragen. Heute weiß man, daß der Stechapfel die Wirkstoffe Atropin und Hyoscya-min enthält, zwei starke Alkaloide.
Möglicherweise haben sie durch Eindringen in die Schleimhaut des Penis dazu beigetragen, daß eine Erektion ausgelöst wurde. Der Pfeffer, der ein brennendes Gefühl verursacht, könnte die Erektion unterstützt haben, während der Honig lediglich als Gleitmittel diente.
Ein weiteres natürliches Heilmittel gegen Erektionsstörungen, das um 1870 aufkam, verwendete die Blätter der Damiane (Turnera diffusa), eines leinen, in Wüstengegenden beheimateten Strauches. Eine Kräutertinktur aus dem in dieser Pflanze enthaltenen Tannin und ätherischen Ölen war im Südwesten der Vereinigten Staaten und in Mexiko ein populäres Potenzmittel. Es wird angenommen, daß der Wirkstoff der Pflanze eine leichte Reizung der Harnröhre verursacht, was die Sensitivität des Penis erhöht. Der weiße Stechapfel (Datura stramonium) wurde in Amerika schon von den Indianern regelmäßig als Erektionshilfe eingesetzt. Es handelt sich hierbei um eine hochwachsende, äußerst giftige Pflanze, die zu der Familie der Nachtschattengewächse gehört. Die Samen der Pflanze wurden zu Pulver verarbeitet, mit Butter vermischt und gegessen. Für alle Fälle wurde ein Teil der Mischung auch auf die Geschlechtsteile aufgetragen. Das Rezept ist nicht ganz neu: Homer erwähnt den Stechapfel bereits in seiner Odyssee, und auch bei Shakespeare taucht er gleich in zwei Werken auf: in »Romeo und Juha« und in »Antonius und Kleopatra«. Im Lauf der Jahre erhielt diese Blütenpflanze viele weitere Namen. Bei uns ist sie zum Beispiel auch unter dem Namen Stachelnuß bekannt. Die darin enthaltenen Wirkstoffe werden durch die Schleimhäute aufgenommen und hauptsächlich über die Nieren wieder ausgeschieden. Alle Bestandteile des Stechapfels sind giftig, schon ein halber Teelöffel Samen kann Berichten zufolge zum Tod durch Herzversagen und Ersticken führen!
In unserem Jahrhundert kristallisierte sich aus der wenig umfangreichen Forschungsarbeit über Erektionsstörungen eine wesentliche neue Denkrichtung heraus. Der Psychiater Sigmund Freud und seine Kollegen betonten die Bedeutung von psychogenen Faktoren, oft in Form von Kindheitserinnerungen, die Erektionsstörungen hervorrufen sollten. Mit Hilfe eines Psychiaters sollte der Patient die Erinnerung an diese traumatischen Episoden wachrufen, da man glaubte, die aktive Erinnerung allein könne alle Erektionsprobleme lösen. Leider zog sich dieser lange und beschwerliche Prozeß unter Umständen über Jahre hin, während der betroffene Mann weiterhin an Erektionsstörungen litt. Dj^ses mächtige Gedankengebäude, das sowohl auf die Definition des Problems als auch auf dessen Behandlung Einfluß nahm, wurde bis in die 80er Jahre hinein als absolute Wahrheit betrachtet.
